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Im Winter 2011/2012 ging Ruth Zenkert nach Siebenbürgen. Im Dorf Nou nahm alles seinen Anfang mit Trommelunterricht für Roma. Die Kinder, die eifrig mitmachten, führten Ruth zu ihren Familien am Rand des Dorfes. In zugigen Hütten ohne Wasser und Strom hausten viele, die mit Kindern ohne Zahl ums Überleben kämpften. Essen, Kleidung, Wärme, Schule, Arbeit, es fehlte an allem. Ruth Zenkert und Pater Georg Sporschill SJ gewannen das Vertrauen der Familien und boten Hilfe an. Nach über 10 Jahren ELIJAH blühen Kinder auf, haben Familien ein Einkommen und Jugendliche eine Ausbildung, die sie bis in die Stadt Sibiu führt.
UNGLAUBLICHE GASTFREUNDSCHAFT
Pater Georg Sporschill SJ erinnert sich an die Anfänge: “Wir wollten an die Wurzel gehen, dorthin, wo die Not herkommt. Unserem neuen Werk gaben wir den Namen ELIJAH. Der Prophet Elijah erweckte das tote Kind einer armen Witwe zum Leben. Allerdings verlangte er etwas von der Witwe. Mit dem letzten Mehl und Öl, das sie im Topf hatte, sollte sie für ihn Brot backen. Elijah zeigte der Witwe, dass sie nicht armselige Empfängerin, sondern Gastgeberin war. Noch heute staune ich, wenn ich in die Hütten der Roma-Familien komme. Wie viele Kinder und Verwandte leben da in einem einzigen Raum! Laute Musik, spielende Kinder, Cola und Schnaps auf dem Tisch. Unglaubliche Gastfreundschaft. Ein farbiger Wandteppich mit dem Motiv des letzten Abendmahles oder des guten Hirten ziert in der Hütte die Wand und verdeckt die Löcher. Hier ist Jesus zuhause, er empfängt mich in der Armut mit einer Fröhlichkeit.”
DIE TROMMEL MACHTE DEN ANFANG
Ganz zu Beginn ging Ruth Zenkert jeden Tag in die öffentliche Schule im Dorf Nou, um dort Trommelunterricht zu geben. Eines der ersten Kinder, denen Ruth Trommelunterricht gab, war Catalin. Mit ELIJAH konnte er seine Talente entfalten und die Schule in der Stadt Sibiu abschließen. Später ging er nach Deutschland, um dort zu arbeiten, obwohl er in Laura verliebt war, die in derselben Straße wohnte. Laura kannte er von der ELIJAH Tanzgruppe. Als er zurückkam, wurden Catalin und Laura ein Paar und als sie hörten, dass ELIJAH eine Häusersiedlung “Cartier Caroline” im Dorf Nou baute, meldeten sie sich. Sie bekamen ein Haus. Catalin arbeitete am Bau. Die älteren Kinder kommen ins Sozialzentrum. Die Eltern wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig eine Ausbildung ist.
MITEINANDER BETEN
Pater Georg Sporschill SJ erinnert sich: “Als sich ELIJAH 2012 in Hosman niederließ, fürchtete der orthodoxe Pfarrer eine neue Konkurrenz. Die Freiheit und die geschwisterliche Hochachtung des anderen, besiegten Misstrauen und Ängste. Der orthodoxe Pfarrer ist ein Freund geworden und kommt oft zum Gebet, zum Essen und zum Singen in unser Haus.
Meine Aufgaben sind für einen katholischen Priester ungewöhnlich, da es in unserer Gemeinde keine Katholiken gibt. Unser Verein hat die kleine katholische Kirche im Dorf übernommen und aus der Ruine ein Sozialzentrum gemacht. An Festtagen feiern wir die Messe. Öfter aber dient die renovierte Kirche als Speisesaal und als Kantine. Das angebaute Pfarrhaus wurde zum Kindergarten, die ehemalige Schule beherbergt eine Arztpraxis und einen Zahlarzt. So hat die katholische Kirche auch ohne Katholiken eine Antwort auf die neue Not und wieder Zulauf bekommen.”
NICHT DARAUF VORBEREITET
Antoaneta Ghișoiu ist operative Leiterin von ELIJAH, sie erinnert sich an die Anfänge: „Als ich bei ELIJAH anfing, war ich in der ersten Zeit sehr verschreckt. Ich hatte vorher bei einer großen Bank gearbeitet und hätte nie gedacht, dass es 10 km von der Stadt Sibiu entfernt, solche Armut gibt. Im Jänner 2012 habe ich angefangen im Dorf Nou zu arbeiten, vom ersten Tag an auf der Straße. Winter, Kälte, große Armut, nackte Kinder in Räumen ohne Heizung, ohne Essen. Es gab keine Kleidung, keine Betten. Ich war gar nicht darauf vorbereitet. ELIJAH hat nicht nur Gemeinschaften gegründet, ELIJAH hat auch menschlich gebildet.
Nach zehn Jahren wurden aus den Roma Kindern zum Großteil verantwortungsbewusste Erwachsene, einige von ihnen haben Familien. Sie bringen jetzt ihre Kinder ins Sozialzentrum.“
EIN DORF BLÜHT AUF
Ruth Zenkert erinnert sich an die Anfänge in Nou:
„Das Pfarrhaus stand seit Jahren leer. Anghel, ein Roma aus dem Dorf hatte den Schlüssel, Horst, einer der letzten Sachsen kümmerte sich nicht um das Haus. Wir brauchten dringend Räumlichkeiten für Männer und Frauen. Anghel half uns, das Haus herzurichten. Wir freuten uns über die gute Zusammenarbeit als endlich das ganze Haus geräumt, geputzt und eingeheizt war. Doch als wir einziehen wollten, war das Gartentor zugeschoben und mit einer Eisenkette verschlossen. Wir schickten einen Dorfbewohner zu Anghel. Ausgerechnet er, ließ uns ausrichten: In den sächsischen Pfarrhof kommen kein Zigeuner!“
Inzwischen ist der alte Pfarrhof renoviert und seit 2019 das neue Sozialzentrum “Casa Martin” in Nou.
ALLEIN GELASSEN
Familie Popita war im Jahr 2012 eine der ersten Familien in Nou. In einer verfallenen Hütte wohnte eine junge Mutter mit vier Kindern. Jeden Tag ging ein Mitarbeiter von ELIJAH zu ihnen und brachte die Kinder ins Sozialzentrum. Sie lernten lesen und schreiben.
2013 ging der Vater nach Deutschland, um dort zu arbeiten. Die Mutter blieb mit den Kindern allein. Dann verließ auch sie die Kinder mit einem anderen Mann. Tagsüber kamen die Kinder ins Sozialzentrum, in der Nacht wachte Antonio, der älteste. Eine Woche dauerte es bis der Jugendschutz kam und die Kinder mitnahm. Im Kinderschutzzentrum von Orlat hat ELIJAH die Kinder oft besucht. Antonio ist jetzt in der 8. Klasse. Den anderen Brüdern geht es gut, sie sind in der Schule. Die Mutter hat sie nie mehr besucht.
ARMUT ENTKOMMEN
Christina Hent kommt aus Țichindeal, einem der ärmsten Dörfer Siebenbürgens. Wir lernten sie in den Anfängen von ELIJAH kennen, ein junges Mädchen noch, verheiratet mit 16, mit 17 schwanger mit dem ersten Kind. Sie hatte keine Perspektive für die Zukunft, sie kämpfte täglich ums Überleben.
Ihre erste Arbeit bei ELIJAH bekam sie im Sozialzentrum Habakuk. Sie wusch die Kinder und die Wäsche. Sie war neugierig und fleißig. In unserer Bäckerei lernte sie Brotbacken und ernährte so viele Kinder in unseren Sozialzentren. Inzwischen hat sie vier Kinder und weiterhin eine engagierte Mitarbeiterin von ELIJAH in der Haushaltsschule “Stella Matutina”. Mit ihrer Familie ist sie in ein Haus aus Stein (eine “Casa de piatra“) gezogen. Mit dem Haus geht die Familie sehr sorgfältig um, sie zahlen pünktlich die Betriebskosten. Die älteste Tochter geht in die 4. Klasse und ist unter der Woche in unserem Schülerwohnheim “Casa Francisc”. Der Mann arbeitet für eine Baufirma in Sibiu. Christina hat sich selbst übertroffen: Mit ihrem Fleiß und ihrer Lernbereitschaft hat sie es weit gebracht.
SOLIDARITÄT
Im März 2015 wurden Ruth Zenkert und P. Georg Sporschill SJ vom Papst empfangen. „Besonders die ungeschützten und ausgestoßenen Menschen werden schnell ausgebeutet, sind zum Betteln gezwungen oder Opfer von Missbrauch. Wir sind gerufen, den Schwächsten und Ausgegrenzten unsere Nähe und Solidarität zu geben.“ Ein Aufruf des Papstes, der auch die Roma in Rumänien besucht hat.
Nach dem Papst benannt ist das ELIJAH Schülerwohnheim “Casa Francisc” in der Stadt Sibiu. Aus den Dörfern kommen die jungen Schülerinnen und Studenten, die ihre Schulausbildung fortsetzen möchten. Aus den Hütten ihrer Familien haben sie es mit Fleiß und Ehrgeiz ins Gymnasium geschafft.

